Am 7. November 2025 haben die USA Silber in die Liste der kritischen Mineralien aufgenommen. Die dadurch gestiegene Wahrscheinlichkeit, dass die Staaten Strafzölle oder Mindestpreise einführen könnten, um den eigenen Bedarf zu decken, hat die Sorge vor einem Engpass am Silbermarkt verstärkt. Dementsprechend heftig reagierte der Preis auf die Entscheidung. Er hat in den seither vergangenen knapp drei Monaten um fast 130% zugelegt. Schon vor dieser Rallye war das Edelmetall ein knappes Gut. «Der Silbermarkt steuert auf das fünfte strukturelle Marktdefizit in Folge zu», stellte das Silver Institute (SI) Ende November 2025 fest. Laut der Branchenorganisation hat die Einstufung als kritisches Mineral unter anderem dazu geführt, dass so viel Silber wie nie zuvor in den Tresoren der US-Warenbörse CME eingelagert wurde.
Gleichzeitig hätten Investoren aufgrund der geo- und handelspolitischen Unwägbarkeiten ihre Allokation in Edelmetallen ausgebaut, um die Portfolios zu diversifizieren. «Infolgedessen nahm die Investmentnachfrage deutlich zu», erklärt das SI. Konkret gehen die Experten davon aus, dass physisch besicherte Exchange Traded Products (ETPs) 2025 Mittelzuflüsse von umgerechnet 200 Mio. Unzen Silber verzeichnet haben. Damit wären die Investments gegenüber dem Vorjahr um 225% nach oben gegangen. Für alle anderen Segmente des Silbermarktes erwartet das SI einen Nachfragerückgang. Der wichtigste Abnehmer ist die Industrie. Hier machte sich dem SI zufolge neben dem unsicheren Konjunkturumfeld der Preisanstieg bemerkbar. Beispielsweise versuchen die Hersteller von Photovoltaikmodulen, mit geringeren Mengen auszukommen. Daher dürfte die Silbernachfrage aus diesem Sektor 2025 um 5% geschrumpft sein.
Dank steigender Recyclingmengen dürfte das Silberangebot leicht zugenommen haben. In Summe erwartet das Institut – selbst unter Ausklammerung der ETP-Zuflüsse – für 2025 dennoch ein Defizit (siehe Grafik 1). Noch hat die in Washington D.C. ansässige Organisation keine Prognose für das laufende Jahr publiziert. Allerdings lässt sie keinen Zweifel daran, dass besondere elektrische und thermische Leitfähigkeitseigenschaften den Rohstoff zu einem unverzichtbaren Baustein für den technologischen Wandel machen. «Infolgedessen dürfte die weltweite industrielle Nachfrage nach Silber weiter steigen», erklärte das SI im Dezember. Neben Photovoltaik und E-Mobilität nennen die Experten die künstliche Intelligenz als Treiber. «Mit der zunehmenden Digitalisierung und dem Einsatz von KI steigt auch die Nachfrage nach kritischen Mineralien wie Silber, die in diesen Anwendungen zum Einsatz kommen», meint die Organisation.
Trotz dieser strukturellen Entwicklung dürften so manchem Anleger beim Blick auf den steil nach oben zeigenden Chart des Rohstoffs Zweifel kommen. Anzeichen einer Überhitzung signalisiert auch das Gold/Silber-Ratio. Diese Kennziffer gibt an, wie viele Unzen Silber nötig sind, um dieselbe Menge an Gold zu kaufen. Zuletzt fiel dieser Richtwert für die relative Bewertung der Edelmetalle zum ersten Mal seit knapp 24 Jahren unter die 50er-Marke. Gleichzeitig befindet sich das Ratio weit unter dem langfristigen Mittelwert (siehe Grafik 2). Silber ist also verhältnismässig teuer. Für Anleger, die noch nicht engagiert sind, könnte es vor diesem Hintergrund sinnvoll sein, auf Rücksetzer zu warten. Generell spricht die angespannte Geopolitik zusammen mit der Aussicht auf weitere Zinssenkungen in den USA sowie dem vorhergesagten strukturellen Wachstum der Nachfrage dafür, dass Silber im Fokus bleibt.
e = erwartet; Quelle: Silver Institute; Stand: 13. November 2025. Historische Daten sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen.
Quelle: Reuters, eigene Berechnungen; Stand: 26. Januar 2026. Historische Daten sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen.