Am 21. April findet im «Palacete Virtvs» ein besonderer Anlass statt. Die International Copper Study Group (ICSG) lädt zum Empfang in das im 19. Jahrhundert errichtete neoklassizistische Bauwerk. Im Herzen von Lissabon werden die Gäste den ersten Tag der ICSG-Frühjahrstagung Revue passieren lassen. An Gesprächsstoff dürfte es den Vertretern aus Politik und Bergbauindustrie nicht mangeln, schliesslich ist der globale Kupfermarkt einmal mehr extremen Einflüssen ausgesetzt. Kaum dass sich die von der Handelspolitik im Allgemeinen und dem Zollstreit zwischen den USA und China im Speziellen ausgehenden Wogen etwas geglättet hatten, wirft der Krieg im Mittleren Osten neue Fragen auf. Umso gespannter dürften die in der portugiesischen Hauptstadt anwesenden Marktteilnehmer auf die Prognosen der Branchenorganisation warten. Am Vormittag des 22. April stellt sie den aktuellen Ausblick für 2026 und 2027 vor.
Im Rahmen ihrer Tagung im vergangenen Herbst haben die ICSG-Experten bereits eine erste Prognose für das laufende Jahr publiziert. Demnach würde die globale Marktbilanz für Kupfer wieder in ein Defizit fallen. 2024 und 2025 war die Welt zum ersten Mal seit der globalen Finanzkrise 2009 ausreichend mit dem wichtigsten Industriemetall versorgt. Als die ICSG ihre Schätzung veröffentlichte, befand sich der Kupferpreis bereits auf dem Weg nach oben. An der US-Warenterminbörse Comex gipfelte die Rallye Ende Januar in einem Allzeithoch von über USD 6.50 je Pfund. Zu diesem Top wurde der Future von der Hoffnung auf eine florierende Weltwirtschaft, der Aussicht auf weitere Zinssenkungen, Problemen im Bergbau, einem schwächelnden US-Dollar sowie dem Interesse von Seiten der Investoren getrieben. Die konjunkturelle Fantasie kam vor allem aus China. Nahezu 60% der weltweiten Kupfernachfrage gehen auf das Reich der Mitte zurück.
Knapp zwei Monate nach der historischen Bestmarke ist die Euphorie verflogen. Ausgebremst wurde der Rohstoff zum einen von wachsenden Vorräten. Laut einer Analyse von J.P. Morgan hat die an den Warenterminbörsen in den USA, Europa und Fernost sowie bei den Zollbehörden eingelagerte Kupfermenge das höchste Niveau seit 2018 erreicht. Darüber hinaus kam einmal mehr die besondere Konjunktursensitivität des roten Metalls zum Vorschein. Rund um den Globus haben sich die Wirtschaftsaussichten eingetrübt. Hier tat der Krieg im Mittleren Osten ein Übriges – der damit einhergehende Ölpreisschock droht den Konjunkturmotor abzuwürgen. Allerdings sorgt der Konflikt auch für Probleme bei der ohnehin fragilen Kupferproduktion. In Abbaustätten, deren Erze eine relativ hohe Konzentration des Metalls beinhalten, wird das so genannte Solvent-Extraction-and-Electrowinning-Verfahren (SX/EW) angewandt. Das gilt unter anderem für den Kongo, einen der wichtigsten Produzenten der Welt. Um das SX/EW-Verfahren praktizieren zu können, ist das afrikanische Land auf den Import von Schwefel und Schwefelsäure angewiesen. Diese Stoffe kommen überwiegend aus der Golfregion. Wegen der Blockade der Strasse von Hormus können sie ihre Zielmärkte momentan nicht erreichen.
Ungeachtet der kurzfristigen Turbulenzen und Unwägbarkeiten scheinen die langfristigen Treiber des Kupfermarktes intakt zu sein. Wegen seiner hohen Leitfähigkeit und Korrosionsbeständigkeit ist das Industriemetall für den globalen Fortschritt unverzichtbar. «Da die Welt in das Zeitalter der Elektrifizierung eintritt, wird ein starkes Nachfragewachstum bei Kupfer aus einer Vielzahl von Bereichen erwartet», erklärt die Internationale Energieagentur (IEA). Neben Stromnetzen zählt sie dazu die Elektromobilität, Bau, Industrie und Rechenzentren. In einer Anfang März publizierten Studie gibt die Agentur eine drastische Prognose ab: «Aufgrund der aktuellen Projektpipeline rechnet die IEA damit, dass auf dem Kupfermarkt bis 2035 ein Versorgungsdefizit von 30% entstehen könnte.» Die Experten begründen ihre Einschätzung unter anderem damit, dass im Bergbau die Kupfererzgehalte sinken, während die Exploration komplexer wird und die Kapitalkosten steigen. Als mögliche Gegenmassnahmen skizziert die IEA neben der Förderung von Investitionen in neue Minen die Steigerung der Materialeffizienz sowie die Substitution und Wiederverwertung des Metalls. Fazit: Kupfer ist als Rohstoff mehr denn je unverzichtbar – daran dürfte die aktuelle Preisdelle kaum etwas ändern.
e=erwartet; Stand: 24. Februar 2026, Prognose: Oktober 2025; Quelle: ICSG
Stand: 26. März 2026; Quelle: Reuters br> Historische Daten sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen.