Langweilig ist an der Börse nicht zwangsläufig ein Schimpfwort. Während Anleger häufig den nächsten KI-Star, Biotech-Überflieger oder Turnaround-Kandidaten suchen, können gerade jene Aktien interessant sein, die über lange Zeit vergleichsweise unspektakulär ihre Bahnen ziehen. Das gilt insbesondere im Bereich der Renditeoptimierungsprodukte. Denn je berechenbarer sich ein Basiswert historisch innerhalb einer begrenzten Handelsspanne bewegt hat, desto interessanter kann er für Strategien mit Barrieren sein. Genau hier entfaltet sich die Idee der «Boring Stocks». Das Konzept passt zudem gut in die aktuelle Marktphase. Trotz eines heftigen Ausverkaufs an den Bondmärkten halten sich die Aktienbörsen erstaunlich robust. Gleichzeitig ist die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen Anfang Oktober auf den höchsten Stand seit 2002 gestiegen. Hohe Zinsen, geopolitische Unsicherheit und weiterhin hohe Aktienbewertungen sprechen dafür, neben Kursfantasie auch Stabilität wieder stärker zu gewichten.
Um aus «langweilig» eine praxistaugliche Strategie zu machen, wurde das Aktienuniversum des S&P 100 durchleuchtet. Entscheidend ist die historische Hoch-Tief-Spanne der vergangenen 24 Monate. Dafür wird die Differenz zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Aktienkurs durch den aktuellen Kurs geteilt. Eine Aktie, die beispielsweise in den vergangenen zwei Jahren zwischen USD 80 und USD 120 gehandelt wurde und heute bei USD 100 steht, kommt auf eine Spanne von 40%. Dabei gilt: Je kleiner der Wert, desto «langweiliger» der Titel. Wichtig: Die Kennzahl ist kein klassisches Volatilitätsmass. Sie sagt weder aus, wie häufig, noch, wie schnell der Kurs zwischen Hoch und Tief gependelt ist. Sie zeigt vielmehr, wie gross die gesamte historische Bandbreite im Verhältnis zur heutigen Notierung ausfällt.
Das Screening fördert zehn bekannte Namen zutage. Die geringste historische Spanne weist Berkshire Hathaway mit 19.3% auf. Dahinter folgen Mastercard mit 22.7%, Southern Company mit 22.8%, Duke Energy mit 24.5% und Costco mit 26.7%. Ebenfalls in die Auswahl schaffen es Procter & Gamble mit 28.6%, Verizon mit 28.9%, Pfizer mit 30.4%, Visa mit 31.3% und Linde mit 33.5%. Der Gedanke dahinter ist für Strategien mit Barrieren durchaus schlüssig: Eine historisch engere Kursspanne kann darauf hindeuten, dass eine weit unterhalb des Startkurses liegende Barriere seltener in Reichweite kommt. Zudem können gedämpftere Kursbewegungen die Schwankungen des strukturierten Produkts im Sekundärmarkt begrenzen. Doch Vorsicht: Historische Kursmuster sind keine Garantie für die Zukunft. So kann ein vermeintlich langweiliger Titel jederzeit aus seiner bisherigen Range ausbrechen.
Die eigentliche Kunst beginnt deshalb erst nach dem Screening. Für Worst-of-Produkte reicht es nicht, einfach die ruhigsten Aktien zusammenzuwerfen. Couponhöhe, implizite Volatilität, Dividenden und insbesondere die Korrelation der Titel untereinander beeinflussen die Konditionen. Beispielsweise ermöglichen Multi-Strukturen mit einer geringeren Korrelation grundsätzlich attraktivere Konditionen. Unter Berücksichtigung aller Faktoren wurden aus dem Zehneruniversum drei verschiedene Körbe zusammengestellt. Beim Trio Mastercard, Pfizer und Verizon wurde die Kombination beispielsweise auf eine möglichst hohe Rendite unter sonst gleichen Bedingungen optimiert. Alle drei Titel bewegen sich historisch in relativ begrenzten Spannen und wiesen zugleich eine sechsmonatige implizite Volatilität von rund 25% auf. Einen exakten Überblick über die Unternehmen und die entsprechenden Produkte finden Sie im zweiten Teil dieses spannenden Anlagethemas.
Quelle: Refinitiv Historische Daten sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen.