Grosser Wirbel
Der Moment, in dem die Aktienkurse zuletzt erheblich unter Druck gerieten, hatte nichts von einem klassischen «Schock» im alten Sinn: keine Gewinnwarnung, kein geopolitischer Eklat, kein plötzlicher Zinsimpuls. Es war vielmehr ein Tool-Release. Ein neues Plug-in aus dem Ökosystem von Claude, dem Sprachmodell des US-Konzerns Anthropic, demonstrierte eindrucksvoll, über welche Fähigkeiten grosse Sprachmodelle inzwischen verfügen. Wo juristische Arbeit, Vertrieb, Marketing und Datenanalyse bislang von hochmargigen Softwarepaketen, spezialisierten Datenbanken und eingespielten Workflows dominiert wurden, reicht in Zukunft möglicherweise ein KI-Agent. Dies entfachte jene Kurskapriolen, die inzwischen mehrere Branchen wie Software, Logistik und Finanzdienstleistungen heimsuchen.
Margendruck
In der Softwarebranche zeigte sich der Mechanismus zunächst am stärksten. Am Markt kursiert dafür bereits ein eigenes Etikett: «Software-Armageddon». Binnen weniger Handelstage wurde im globalen Software- und-Services-Segment ein dreistelliger Milliardenbetrag an Börsenwert ausgelöscht, weil Anleger plötzlich nicht mehr nur Wachstum, sondern auch die Überlebensfähigkeit bewerteten. Dass die Abverkäufe ausgerechnet in einem Sektor stattfinden, der jahrelang als Bollwerk planbarer, wiederkehrender Umsätze galt, ist der Kern der aktuellen Nervosität. Künstliche Intelligenz bedroht nämlich nicht nur Produkte, sie bedroht Preislogiken. Das klassische Lizenzmodell «pro Nutzer» gerät unter Druck, wenn KI die Arbeit von mehreren Mitarbeitenden automatisiert, der Kunde aber weiterhin nur eine Lizenz braucht oder gleich ein KI-gestütztes Alternativprodukt nutzt. Über den Margen, die bislang der Stolz der Branche waren, schweben plötzlich schwarze Wolken.
Milliardeninvestitionen
Trotz dieser Ängste fliesst weiterhin viel Geld in KI. Und das ist die dritte Spannungslinie, die Investoren umtreibt: hohe Investitionen, unklare Monetisierung, steigende Verschuldung. Beispielsweise möchte Alphabet Milliarden über den Bondmarkt einsammeln und auch Oracle kündigte Kapitalmassnahmen und zusätzliche Finanzierungen an. Dies zeigt, dass sie den KI-Trend nicht anzweifeln, ihn vielmehr eher erobern möchten. Hyperscaler und grosse Plattformanbieter bauen Rechenzentren und Infrastruktur in einer Geschwindigkeit, die jeder klassischen IT-Zyklik widerspricht. Für Anleger entsteht daraus ein Dilemma: Ohne massive KI-Investitionen droht strategische Bedeutungslosigkeit, mit ihnen droht eine längere Phase gedrückter Cashflows und Margen. Oracle ist das Musterbeispiel für diese Zwiespältigkeit. Der Konzern will aggressiv Kapazitäten und KI-Fähigkeiten ausbauen, obwohl der Schuldenberg bereits hoch ist und das Cloud-Wachstum nicht immer die Erwartungen trifft. Investoren sehen darin ein Risiko, gleichzeitig ist es aber ebenso ein Signal, dass auch «alte» Softwarehäuser bereit sind, sich in KI neu zu erfinden.
Rückendeckung
Rückendeckung für den Sektor kommt aus einer Ecke mit Gewicht: Nvidia. CEO Jensen Huang bezeichnete die These, KI werde Software «ersetzen», sinngemäss als unlogisch. Die Produktzyklen werden seiner Ansicht nach eher mehr Software hervorbringen und nicht weniger. Analysten argumentieren ähnlich: Grosse Sprachmodelle sind mächtig, aber oft zu generisch. Laut Mark Murphy, Leiter der Softwareforschung bei JPMorgan, ist es ebenfalls «ein widersprüchlicher Schluss», anzunehmen, ein neues Plug-in würde «jede Ebene geschäftskritischer Unternehmenssoftware ersetzen». Chefmarktstratege Talley Leger von Wealth Consulting Group bläst in das gleiche Horn: «Ich denke, der Softwareausverkauf wird übertrieben, und die zugrundeliegende Logik erscheint fehlerhaft.» Er kann sich vorstellen, dass die Verbesserung von KI-Tools die Entwicklung neuer und besserer Softwareanwendungen zu niedrigeren Preisen erleichtert und die Margen der Softwareschmieden sogar verbessern könnte.
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